Warum heute Porzellan sammeln?

„Summa summarum, es kann alles von Porcellain gemacht werden, was man nur begehret…“ Johann Joachim Kändler, 1739

In der Tat ist der Formenreichtum, den die Künstler des Rokoko – jenes Zeitalter,
das uns heute als das galante bekannt ist – im Porzellan geschaffen haben, überwältigend. Man hätte ihnen kein geeigneteres Material in die Hände geben können, um den Geist ihrer Epoche abzubilden. Im Porzellan entstehen schließlich die reizvollsten Kleinplastiken des 18. Jahrhunderts.

Die Erfindung des europäischen Porzellans liegt ziemlich genau 300 Jahre zurück.
Im Jahr 1710 gelingt Johann Friedrich Böttger auf der Albrechtsburg zu Meissen die Herstellung des weißen Goldes, das bis dahin zu horrenden Preisen aus Ostasien eingeführt werden musste. Initiator dieser Erfindung war August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, der wie er selbst meinte, der „maladie de porce-laine“ verfallen sei. Seine Sammelleidenschaft brachte mehr als 35.000 Stücke zusammen. Diese Besessenheit kann gewiss auch manch heutiger Sammler nach-vollziehen. Während die letzte Errungenschaft eben erst platziert ist, beginnt schon die Jagd auf das nächste Objekt. Schnell gerät man an räumliche Grenzen.
August umging diese Schwierigkeit, indem er mit dem Japanischen Palais ein ganzes Porzellanschloss realisierte, das seine Sammlung beherbergen sollte.

Die Sucht nach Porzellan griff rasch auf die übrigen europäischen Fürstenhöfe über. Louis XV., Madame de Pompadour, Katharina von Russland und schließlich Friedrich der Große wurden ebenfalls zu begeisterten Sammlern. Möglichst verspielt und exotisch sollte das Porzellan anmuten. Was damals der letzte Schrei war, wirkt auf den heutigen Betrachter oft fremdartig. Errötende Schäferinnen, musizierende Affen, Nymphen und Najaden im Liebestaumel und dickbäuchige Götzen scheinen in einer immer schnelllebiger werdenden Zeit etwas aus der Mode gekommen zu sein.
Doch neben der Schnelligkeit ist unsere Zeit auch geprägt durch den Wunsch nach unvergänglicher Schönheit. Über diese Eigenschaft verfügt das Porzellan – es altert nicht. Die zarten Gesichter mit ihrer mattglänzenden Oberfläche, die die Modelleure wie Kändler, Meyer oder Reinicke geschaffen haben, sind heute noch ebenso schön wie an dem Tag, an dem sie die Hitze der Glut verlassen haben.
Eben diese Schönheit, die die Jahrhunderte überdauert hat, macht noch heute einen großen Teil der Faszination am Porzellan aus.

Zur Sammlung Augusts gehörten auch die berühmten Dragonervasen, die er 1717 von Friedrich Wilhelm I. von Preußen gegen ein Regiment von 600 sächsischen Soldaten eintauschte, das den Vasen ihren Namen gab. Mehr als 150 Jahre später meinte Fürstin Pauline von Metternich zu König Albert von Sachsen:
„Gestehen Eure Majestät, daß König August klug gehandelt hat, als er das Regiment für die Vasen hergab. Wo ist heute das Regiment? … dafür sehen wir die prächtigen Vasen unversehrt vor uns stehen.“
Und ihre Pracht erfreut uns bis zum heutigen Tag.

Von Wilko Beckmann, Porzellan-Sammler und Mitglied der keramici