Reflexionen der Commedia dell’arte in den Werken Franz Anton Bustellis

Die Commedia dell’arte

In Anlehnung an ältere Bühnenüberlieferungen schufen wandernde Komödianten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Commedia dell’arte. Erwähnt wird sie als erstes in Venedig und Neapel um 1545. Die Bedeutung der Commedia dell’arte ist eigentlich „Komödie vom Fach“ und stellt damit die Berufsschauspielkunst des Steh-greiftheaters vor. Das Besondere an dieser Kunst ist jedoch, dass alle Akteure einen festgelegten Charakter haben. Die Umrisse der Handlung und der musikalische Teil werden ebenso festgelegt. Dennoch werden Dialoge und Pantomime des Stücks improvisiert. Die ältesten Texte zeigen nur kurze Inhaltsangaben ohne ausgeführte Gespräche, welche sich erst während des Spielens heraus entwickeln. Die eigent-liche Darstellung ist eine „Komik der Zunge, Sprache der Gasse und des Marktes, Witze, Stottern, Schmatzen, Heulen“ und manchmal poetisch zugleich.

Was die gelehrten Dichter nicht wagen durften, das war die Stärke der Commedia dell’arte: die Zeitsatire, der schlagfertige Spott, der anständige wie der unanständige Witz. Dabei ein Temperament in Mimik und Geste, das auf die Zuschauer mitreißend wirkte. Die Schauspieler sind Berufsdarsteller, die innerhalb ihrer Truppe ein und dieselbe Rolle vertreten. Die Bühne ist meist ein einfaches dekoratives Gerüst ohne Hintergrund auf offenem Platz, denn die Handlung findet vorwiegend im Freien statt. Schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts treten in weiblichen Rollen auch Frauen auf. Die Hauptfiguren bestehen aus einem stets verliebten aber ebenso misstrauischen reichen Kaufmann namens Pantalone, seinem bäuerlichen Diener Zanne, einem pedantischen und geschwätzigen Juristen genannt Dottore und der feige prahlerische Soldat Capitano.

Gegen Mitte des 16. Jahrhunderts treten italienische Schauspieler in Deutschland auf. Dass wir über die älteste Commedia dell’arte Näheres wissen, verdanken wir den bayrischen Fürsten, den Wittelsbachern, die verwandt sind mit der italienischen Herrscherfamilie der Gonzaga. Max Emanuel zum Beispiel beherbergte an seinem Hof für vier Jahre Komödianten der Truppe von Francesco Calderone in seiner Residenz, die er im Jahre 1687 in Venedig sah.

Der Porzellankünstler Bustelli

Franz Anton Bustelli, geboren im Jahre 1723 in Tessin, arbeitete ab 1754 für mehr als acht Jahre in der kürfürstlichen Manufaktur (Nymphenburg) in München. Seine Kunstwerke während dieser Jahre gehören zu den vollendetsten Werken der Klein-kunst des Rokokos. Seine Werke zeigen Darstellungen von Damen, Kavaliere, Putten, Chinesen, Büsten und vieles mehr. Doch alle diese Gestalten werden über-troffen von den Figuren der Commedia dell’arte. Die sechzehn Komödienfiguren sind heute als das Hauptwerk von Bustelli und als die schönsten Porzellanfiguren des
18. Jahrhunderts bekannt. Die Meisterschaft Bustellis zeigt sich in der vollkommenen Beherrschung der plastischen Form. Bustelli weiß seinen Figuren Mimik und Gestik einzuhauchen; so erhöht er deren Brauen und weist ihnen stürmische Bewegungen zu. Einzelheiten der Gewänder, wie Rüschen, Schleifen und plissierte Ärmel, lassen seine Fertigkeit erkennen.

Das eigentlich Neue ist die statuarische Geschlossenheit und Spontanität der Aktionen, die harmonische Verbindung zwischen Standfläche und Figur, der Reiz
des Kostümlichen durch raffinierte dekorative Bemalung. Während bei manchen farbigen Frankenthaler Porzellanfiguren die Qualität der Plastik stark herabgesetzt wird, unterstreicht in Nymphenburg die Farbe noch aufs feinste „das Knistern und Rauschen der Seide das brechen der Falten, den funkelnden Zauber der Theater-welt“.

Enstehung einer Porzellanfigur

Um den Schwierigkeitsgrad seiner Meisterschaft zu verstehen, wäre es interessant zu wissen, wie eine solche Porzellanfigur entsteht. Bustelli sieht in seiner Vorstellung das zukünftige Werk vor sich und schafft im nächsten Schritt ein Modell aus knet-barem feinen Modellierton, der an der Luft erhärtet. Das Modell muss mehr als ein Sechstel größer sein als die geplante Porzellanfigur, weil sich die Porzellanmasse beim Brand zusammenzieht. Das fertige Modell dient zur Anfertigung der Gipsform. Man muss dazu erwähnen, dass alle Hohlgefäße wie Tassen, Vasen und Figuren mit Hilfe von Gipsformen hergestellt werden. Die Modelle werden in Teile zerlegt, so benötigen die Figuren Bustellis je nach Gestalt fünf bis fünfzehn Einzelformen.

Der wichtigste Bestandteil der Porzellanmasse ist Kaolin, ein unschmelzbarer, in Feuer weißbrennender Ton. Ihm werden schmelzbare Stoffe wie Feldspat und Quarzsand hinzugefügt. Die einzelnen Formteile werden zusammengesetzt, wobei ein flüssiger Porzellanschlicker als Bindemittel dient. Anschließend werden kleine Einzelstücke wie Blumen, Haarschleifen oder Bänder sorgfältig angefügt. In einem ersten Brand bei 1000 Grad werden die luftgetrockneten Figuren „verglüht“. Nun sind sie fest genug, um sie in ein Glasurbad einzutauchen. Jetzt kommen sie erneut in den Brennofen, wo sie bei einer Temperatur von 1410 Grad dem sogenannten Verfahren des „Gutbrands“ ausgesetzt werden. Nach diesem Verfahren kommen
die Figuren schneeweiß und glänzend aus dem Feuer. Zum Abschluss werden nun die Figuren bemalt. In einem letzten Brand, in dem sogenannten Muffel, werden die Farben bei 850 Grad in die Glasur eingebrannt. Während die Farben anderer Werk-stoffe sich unter der Einwirkung von Licht, Luft oder Feuchtigkeit verändern, bewahren die eingebrannten Porzellanfarben ihre Leuchtkraft.

Die Komödienserie von Bustelli

Acht Damen und acht Kavaliere verkörpern die Komödienserie von Bustelli. Der geschichtliche Hintergrund zu diesen Figuren ist außergewöhnlich faszinierend und wird vorwiegend getragen von den Hauptfiguren der Commedia dell’arte. Der geizige alte venezianische Kaufmann Pantalone (Abb. 1) hat eine schöne Tochter Isabella, für die ihm der reichste und beste Ehemann gerade genügen würde. Um sie bewirbt der Capitano, aber Isabella scherzt mit Oktavio (Abb. 3), dessen Umgang ihr der vorausschauende Vater verboten hatte. Sauer greift Capitano zum Dolch, woran ihn Isabellas Freundin Leda (Abb. 5) schreiend hindern will. Außergewöhnlich sind aber auch die Bewegungen der Protagonisten.

Alle weisen eine entsprechende natürliche Bewegung vor. So erkennen wir Figuren in einer S-Form oder aber auch schreitend. Dann wiederum interagieren die Figuren miteinander. Faltenwurf und Schrittstellung der einzelnen Figuren deuten ihre Bewegungen an. Der theatralische Zug entsteht anhand der überaus dramatischen Mimik. Mal erkennt man einen Stirnrunzler, mal einen erschütterten Aufschrei, dann wiederum erkennt man Verliebte, die sich nonverbal gegenseitig Avancen machen. Die langgezogenen Glieder der Figuren lässt Bustelli besonders leicht und grazil erscheinen.

Dass ihm die Werke Watteaus bekannt waren, ist anzunehmen. Diese Werke wurden bald nach dessen Tod von seinem Freund Jean de Julienne in mehreren Stichwerken veröffentlicht, so liegt es sehr nahe, dass auch Busttelli, neben Kändler, die Komödiantendarstellungen Watteaus als Vorbild nahm.

Von Nassim Shams, Mitglied der keramici

Literaturangaben:
KUTSCHER, ARTUR: Die Comédia dell arte und Deutschland, Emsdetten 1955.
PECHMANN, GÜNTER: Franz Anton Bustelli. Die italienische Komödie in Porzellan, Berlin 1947.
RÜCKERT, RAINER: Franz Anton Bustelli, München 1963.
SCHINDLER, HERBERT: Große Bayerische Kunstgeschichte, Bd. II, München 1976.