Architekturdarstellungen auf Keramik – Geschichte und Bedeutung

Seit dem 16. Jahrhundert wurden erzählende Darstellungen auf Keramik häufig
in einen landschaftlichen Kontext eingegliedert. Dieser entsprach meist dem Ort
der Handlung, zeigte aber modellhaften Charakter. Die Hintergründe dienten der Erzeugung einer räumlichen Tiefe und als Kulisse für das eigentliche Thema.
Als grafische Vorlagen eigneten sich Kupferstiche und Holzschnitte. Zuweilen konnten die Landschaften als Fantasiebilder frei erfunden sein.

Zu den Landschaftsdarstellungen gehörten von Beginn an auch Architekturmotive. So spielen religiöse Szenen auf Siegburger Steinzeug des 16. Jahrhunderts teilweise vor einem reichen architektonischen Hintergrund, für dessen bühnenartigen Aufbau die gesamte Gefäßhöhe ausgenutzt wurde.

Bauliche Elemente wie Säulen waren zudem beliebte Gestaltungsmittel, um verschiedene Szenen in einzelne Bildfelder zu gliedern oder figürliche Bildnisse voneinander zu trennen. Zur gleichen Zeit verwandten die Maler aus der italienischen Stadt Urbino bei ihrer Majolika die gesamte Oberfläche eines Tellers für das Sujet einer in die Landschaftsszene eingebetteten Architektur.

Um 1700 wurden im Westerwald zunehmend Krüge mit Ansichten berühmter Städte hergestellt. Bei den Gefäßen handelte es sich um Sonderanfertigungen für Kaufleute, die diese an Reisende als Andenken verkauften.

Die grafischen Vorbilder zu den Stadtansichten lieferten seit dem ausgehenden
15. Jahrhundert verschiedene topografische und geografische Werke, darunter Hartmann Schedels Weltchronik als frühestes Werk, Sebastian Münsters Cosmo-graphia von 1544 sowie das erste, ausschließlich Stadtansichten gewidmete Werk Civitates orbis terrarum von Georg Braun und Frans Hogenberg, erschienen ab
dem Jahr 1572.

Im frühen 19. Jahrhundert entwickelten sich Stadtansichten und Sehenswürdigkeiten zu beliebten Motiven auf Porzellan. Speziell die Architekturmalerei der Porzellane aus der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin zeichnete sich durch eine hohe künstlerische Qualität aus, und die Gebäude wurden außergewöhnlich sorgfältig und detailgetreu wiedergegeben. Viele dieser Stücke fertigte die Manufaktur eigens für die Darstellung solcher Veduten mit großen Schauseiten. Sie dienten repräsentativen oder auch patriotischen Zwecken.

Als Vorlage für das Sujet des Berliner Stadtbildes sind hier vor allem die Stiche
von Johann Georg Rosenberg aus dem 18. Jahrhundert zu nennen. Daneben gab
es auch Auftragsarbeiten mit Architekturansichten für den privaten Gebrauch. Hierbei handelte es sich meist um Landschaften oder Denkmale, die aus der Heimat der Kunden stammten oder die sie auf Reisen gesehen hatten.

Anders als bei Glas können bildliche Motive auf keramischen Werkstoffen aus farbtechnischer Sicht besonders lebendig und dauerhaft aufgetragen werden. Architekturdarstellungen auf Keramik, insbesondere solche nach grafischen Vorlagen, stellen heute Dokumente dar, die weder im Sonnenlicht vergilben noch durch Feuchtigkeit zerstört werden.

Durch den Siegeszug der Fotografie hat die Landschaftsmalerei als kunsthand-werkliche Tradition an Bedeutung verloren. Ihre Fortsetzung findet sie in den Gedenktellern und seriell gefertigten Souvenir-Keramiken des 20. und 21. Jahr-hunderts. Interessant ist, dass die Architekturdarstellung auf Keramik dem Geschmack der Zeit entsprechend zur Stilisierung zurückfindet, nun allerdings
in druckgrafischer Form.

Die Ausstellung Tempel, Burgen & Paläste – Architektur auf Keramik, die 2010
am Hetjens-Museum realisiert worden ist, zeigte ein breites Spektrum keramischer Erzeugnisse, die im engeren und weiteren Sinne Architektur darstellen, von der architektonischen Rahmung einzelner Bildfelder bis hin zur Abbildung von gebautem Raum als Hauptmotiv eines dekorativen Programms.

Als interessanter Nebenzweig des Ausstellungsthemas wurden Architekturen aus Keramik präsentiert. Sie veranschaulichen, dass das Interesse der Keramiker und Auftraggeber an der Darstellung von Architektur weit über die Grenzen der Zweidimensionalität hinausging.

Von Edith Kowalski

© Fotos: Hetjens-Museum, Deutsches Keramikmuseum