Hetjens-Museum zeigt 120 Keramikarbeiten von Ettore Sottsass

Zwischen den Stühlen hat sich Ettore Sottsass immer wohl gefühlt. Als Designer verstand er sich als Künstler. Als Künstler gab er seinen Arbeiten eine alltagstaugliche Funktion. Er prägte den Begriff des „Anti-Designs“, experimentierte mit Farbe, Material, Gattung, Stil. Er zeichnete, fotografierte. Und er reiste um die Welt. Er soll einmal von sich gesagt haben, er habe seit der Kindheit keine Fortschritte gemacht; Sottsass war stolz auf seine Offenheit und Neugier. Die Lust auf Aufbruch und Wechsel war ein Markenzeichen, sagt Sally Schöne, Leiterin des Hetjens-Museums. Sie zeigt nun erstmals 120 Keramikarbeiten des 2007 verstorbenen Künstlers.

Mit Olivetti nach New York

Bekannt wurde Sottsass durch Entwürfe wie die Olivetti-Schreibmaschine im Museum of Modern Art. 1994 schuf er für die Stadt Hannover eine Busstation aus acht gelben Kreuzen, Sinnbilder des 20. Jahrhunderts. In Deutschland wird er als Architekt und Designer wahrgenommen, erlebt Schöne.
Grund genug, den italienisch-österreichischen Tausendsassa als Keramikkünstler vorzustellen. Fast alle Exponate stammen aus Privatbesitz.

Vielleicht war es die frühe Erfahrung mit einer tödlichen Krankheit, die Sottsass prägte. Anfang der 60er zog er sich eine Niereninfektion zu und kämpfte in den USA ums Überleben. Dies sollte seine Wahrnehmung dauerhaft schärfen. Sottsass dachte viel nach über den Tod und das Wesen der menschlichen Existenz. Eine entsprechende Symbolik floss in seine Arbeiten. Viele wirken wie auf zauberhafte Weise magisch aufgeladen. Objekte sollten funktional sein. Aber eben nicht nur.

Soeben noch staunt man über ein Frühwerk, das sich an moderner Malerei wie Pop-Art orientierte. Die italienische Industrie boomte nach dem Zweiten Weltkrieg. Erste Aufträge kamen vom US-Amerikaner Irving Richards. Keck verdrehte Vasen mit geometrischen Mustern und Knallfarben erzählen von diesen frühen Jahren. Dann erste Asienreisen. Der Bruch, die Krankheit. Und die Entgegnung. „Keramiken der Finsternis“ stehen in dieser Vitrine. Gefäße in gedeckten Farben mit indisch anmutenden Zeichen.

Er machte niemals Urlaub

Sottsass war ein Rastloser. Hatte man ihn festgelegt, wollte er bald etwas anderes machen. Er verbrachte Zeit mit Hippies und Beatniks, gehörte aber nie dazu. 1981 gründete er das Design-Büro Memphis, distanzierte sich aber später. Er sei mehr als ein postmoderner Architekt. Während Reisen nach England, Indien oder in den Iran fotografierte Sottsass wie ein Besessener. Gebäude, Treppen, die als Inspiration dienten. Seine zweite Ehefrau soll einmal bemerkt haben, eigentlich mache er nie Urlaub. Schlafen war für das Energiebündel Zeitverschwendung.

Positive Energien

Hatte Sottsass anfangs noch Unikate hergestellt, gingen die Arbeiten bald in Serie, wenngleich in kleiner Auflage. 1964 bereits entstanden Opfer für Shiva, den Gott der Zerstörung und des Neubeginns. „Offerta a Shiva“ kommt als Reihe Teller mit Kreisformen daher. Nicht das einzige Geschenk, das Sottsass der hinduistischen Gottheit machte. Zuvor hatte er Shiva bereits sein langes Haar geopfert.

Der Blick fällt auf Zylinder und die Reihe „Geology“ – Vasen, die aussehen wie Bücherstapel. Daneben Stelen, Menhire – Gefäße mit sakralen Zeichen und Rundpfeilern wie Tempel. Sottsass’ Vorstellung nach sollten diese spirituell aufgeladenen Arbeiten positive Energien in den Räumen bündeln. Schöne: „Er wollte Dinge gestalten, die den Menschen helfen, sich selbst zu erkennen.“ Dazu passt der „Altar“, das größte Werk. Eine gigantische Opferstätte aus Keramik. Ein zweiter „Altar“ in Knallrot steht im Pariser Centre Pompidou.

Wie modern der Italiener ist, beweist eine zweite Schau. 2010 als Lobby der Kreamikkünstler gegründet, zeigt der Freundeskreis „Keramici“ 30 Arbeiten, die sich an Sottsass orientieren: Junge Schmuckgestalter der Fachhochschule stellen sich vor. Verbindend mit Sottsass ist das Spiel mit Materialien, Formen und Farben, sagt Volker Nünninghoff von „Keramici“: „Es ist spannend, wie Oberflächen aussehen können.“

Colliers aus Deckeln

Pelz-Geschmeide, Schaumstoff-Anhänger – eine Kette, die aus kleinen Leinenkissen besteht, in denen Franziska Hubeler Magneten verbirgt. Sie lässt sich bei Bedarf erweitern oder kürzen. „Sottsass unterwegs“ trifft man bei Stella Jung. Bei ihr werden großmütterlich bunt umhäkelte Fläschchen zur Kette, das sieht hübsch aus, und praktisch ist es auch. Botschaft und Zierde verband auch Siegfried Büeler. Ihn faszinierte die Menge Plastik, die täglich produziert wird. Büeler fertigt Colliers aus eingeschmolzenen Flaschendeckeln. In Streifen geschnittene Joghurtbecher formen sich zu üppigen Ketten.

Nünninghoff ist stolz auf die Schau. „Keramici“, das sind 20 Kunsthistoriker, Gestalter und Kulturfreunde zwischen 17 und 44, die sich vorgenommen haben, auch Jüngere für Keramik zu begeistern. Nünninghoff gefallen die Arbeiten Sottsass’ besonders gut: „Seine Entwürfe sollten Menschen glücklicher machen.“

Von Petra Kuiper, erschienen am 23.12.2011 in der NRZ